Autorenveranstaltung an der RBS: Sudabeh Mohafez, 6. Juni 2018

Was passiert mit einer Jugendlichen, die an einem bis dahin ganz normalen Schultag dabei ist, wie eine Gruppe schwerbewaffneter, vermummter Männer auf ihren  Schulhof vordringt und dort Maschinengewehrsalven in die Luft feuert? – Geschehen ist dies Ende 1978 in der iranischen Hauptstadt Teheran, auf dem Gelände der Deutschen Schule. Erlebt hat es Sudabeh Mohafez, die damals 15 Jahre alt war und mit ihrer deutsch-iranischen Familie in Teheran lebte. Dieses Erlebnis und seine Folgen, sagt sie, seien der Hauptgrund dafür gewesen, dass sie Schrift­stellerin geworden sei. Heute ist sie zu Gast in der Aula der RBS und spricht vor Schülerinnen und Schülern der Klassen 3BKM1/1T und 3BKM2/1T.

Ihre eigene, innere Reaktion auf das einschneidende Erlebnis beschreibt Sudabeh Mohafez zunächst nicht. Im Vordergrund steht erst einmal, was mit ihr geschieht, nämlich was ihre Mutter tut: Sie fordert die Kinder auf, die wichtigsten Sachen zu packen (– Was ist wichtig? Keines der Kinder weiß, für wie lange es packen soll... –), eilig werden Tickets gebucht, wenige Tage später sitzen die Mutter und vier Kinder im Flugzeug nach Deutschland und finden sich plötzlich im winterlichen Westberlin bei den deutschen Großeltern wieder. Der Vater bleibt unterdessen bei seiner Arbeit im Iran.

Das Land erlebt in diesen dramatischen Tagen einen grundlegenden politischen Umsturz. Ungefähr gleichzeitig mit Sudabeh Mohafez und ihrer Familie verlässt der Schah, eine Art Kaiser, den Iran. Bald darauf wird eine Islamische Republik ausgerufen. Das Schahregime war massiv von den Ländern des Westens, vor allem von den USA gestützt worden; die neue Regierung bricht diese Brücken radikal ab. Bis heute dauert die Konfrontation zwischen dem Iran und dem Westen an und verschärft sich sogar gerade wieder: Donald Trump hat kürzlich einen Waffenkontrollvertrag aufgekündigt und will das Land (auch in geschäftlichem Eigeninteresse) erneut vom internatio­nalen Handel abschneiden.

Die ersten Schockwellen dieser Ereignisse erreichen und formen die Familie unmittelbar. Anschaulich und offen erzählt Sudabeh Mohafez davon, wie die Bindung der Eltern zerbricht und ihr mit dem gewohnten Lebensumfeld auch zwei der drei im Hause gesprochenen Sprachen abhandenkommen. Es gab damals kein Innehalten, kein Trauern. Gleich am Tag nach der Ankunft in Berlin werden die Kinder auf verschiedenen Schulen angemeldet, eine völlig neue Realität bricht über sie herein.

Was passiert also mit einer Jugendlichen, die all das erlebt? Wie verarbeitet ein Mensch solch einen Lebensumbruch? Für Sudabeh Mohafez wurde das Schreiben zur entscheidenden Entlastung, weil sie nur hier ihr Denken und ihre Gefühle formulieren und „erden“ konnte, wie sie es nennt. Die Tagebücher dieser Zeit werden zur Keimzelle ihres ersten Buches, das erscheint, als sie schon über vierzig ist. Davor liegen Jahre der Arbeit als Pädagogin in einem Berliner Frauenhaus und zahllose Umzüge innerhalb der Stadt, die sie irgendwann verlässt, weil sie ihr, wie sie selbst sagt, nicht guttat. Während sie redet, spürt man deutlich, wie stark ihre Wahrnehmung des Ortes durch das gefärbt wird, was sie dort erlebt hat. Und der Ort wiederum prägt sie.

„Die Dinge, die sind, wie sie sind, haben oft einen großen Rahmen um sich herum.“ Mit diesem Satz begründet die Autorin ihr erzählerisch weites Ausholen in Raum und Zeit. In vielen Facetten kommen die Naziverstrickung ihrer deutschen Großeltern, das Kennenlernen der Eltern in Paris, die Verwerfungen der unaufgearbeiteten Flucht aus dem Iran und schreiend komische Episoden aus dem emanzipierten Witwenleben ihrer Großmutter zur Sprache. Die Schülerinnen und Schüler im Publikum fragen nach. „Wurden während der iranischen Revolution Menschen erschossen?“, „Haben Sie Kinder?“, „Leben Sie jetzt glücklich?“ Sudabeh Mohafez gibt auf wirklich jede Frage ausführlich Antwort. Alles hängt mit allem zusammen. Der große Rahmen muss und kann schließlich nicht geschlossen werden.

Ein kurzes Prosagedicht steht am Ende des Vormittags: „Behalte den Flug im Gedächtnis“. Gelesen wird es auf Persisch und Deutsch. Die Titelzeile stammt aus einem anderen persischen Gedicht, das mit dem Satz schließt: „Der Vogel ist sterblich.“ Eine Aufforderung also zum Erinnern, zum Festhalten des Momentes angesichts der Endlichkeit unseres Lebens. Es erscheint paradox: Dieser Text über das Erinnern behandelt einen Tag im Leben der Autorin, an den sie selbst sich, wie sie sagt, nicht erinnern kann, den sie aus ihrem Gedächtnis verdrängt hat, weil er sie als Jugendliche überforderte und furchtbare Folgen für sie hatte. Es ist der Tag, an dem sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern fluchtartig den Iran verlassen musste. Erinnern und Schreiben hängen hier eng miteinander zusammen, bauen aufeinander auf, ergänzen sich und können manchmal sogar füreinander eintreten.

Ein Flug von Teheran nach Berlin formt sich zu einer Kette von Fragen, auf die das Gedächtnis keine Antworten gibt, geschrieben in einer Muttersprache, durch die eine zweite, eine Vatersprache, hindurchscheint:

 

behalte den flug im gedächtnis

 

ob schnee lag. ob uniformierte patroullierten. ob

es morgen war oder abend. ob viele taschentücher

aufgebraucht wurden. ob ich müde war. ob über-

haupt jemand an der absperrung stand. ob die luft

anders roch als sonst. ob die grenzer am flughafen

nett waren oder bedrohlich. ob wir gefrühstückt

hatten an diesem tag. ob ich ein buch im handgepäck

hatte. ob ich mich von irgendjemandem verabschie-

det habe. ob die sonne schien. ob ich angst hatte. ob

ich einen fensterplatz oder einen am gang hatte. ob

ich den berg in wahrheit überhaupt sehen konnte.

ob die geschwister quengelig waren. ob wir abends

irgendjemandem bescheid gegeben haben. ob ich

verstand, warum die frau ständig von heimat sprach.

ob ich ahnte, dass der mann nicht ahnte, dass es für

immer war. ob ich vorher noch einmal durch den

garten gegangen bin. ob jemand die tür hinter uns

schloss. ob ich mich noch einmal umgedreht habe.   

 

 

Mohafez, Sudabeh: Behalte den Flug im Gedächtnis. Erzählungen. Dresden: edition AZUR 2017. 

 

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Autorenlesung an der RBS: Martin Gülich, "Ich bin hier nur der Kumpel"  am 5. Mai 2017

Wovon handelt wohl ein Buch mit dem Titel „Ich bin hier nur der Kumpel“? Wenn man das einschränkende ‚nur‘ ernst nimmt, dann wahrscheinlich von einer verhinderten Liebesgeschichte. Andererseits ist ein echter Kumpel im Leben oft mehr wert als ein Partner von der Sorte, die nach ein paar Wochen oder Monaten wieder ausrangiert wird.

Auf Einladung der Schulbibliothek ist der Autor Martin Gülich zu Gast an der RBS. Sein Buch thematisiert verschiedene Sorten von Freundschaft und Partnerschaft, Kumpelsein und Liebe. Finn, ein 16-jähriger Schüler und die Hauptfigur des Buches, würde, wenn er könnte, sicher lieber eine richtige Freundin als ‚nur‘ einen weiblichen Kumpel haben. Jedenfalls am Anfang des Buches. Er unternimmt mit mehr oder weniger Erfolg verschiedene Versuche, hier Abhilfe zu schaffen (Stichwort Nachhilfeunterricht und Gitarrenkonzert bei Clara), muss aber feststellen, dass die Halbwertszeit einer möglichen Verbindung wohl eher nach Wochen als nach Monaten zu rechnen wäre. Also weiter suchen. Bei seiner Ersatzmutter Vicky, die bislang selbst immer einen erhöhten Männerverbrauch gehabt hatte, beobachtet er mit Verwunderung Anzeichen partnerschaftlicher Sesshaftigkeit (Stichwort Thomas mit dem Spielekoffer). Und plötzlich erscheint die schweigsame Clara, zugezogen aus Berlin. Finn und sein Mädchenschwarm-Freund Eric nehmen Witterung auf, aber nach kurzer Zeit ändert sich alles…

Er interessiere sich für Figuren mit Schwierigkeiten, die ihren Platz im Leben erst finden müssten, sagt Martin Gülich. Auch wenn ihre Probleme zunächst ziemlich harmlos klingen: dieser Finn, aber auch Clara und Vicky stehen ein klein wenig schief im Leben, sie sind solche Figuren.

Gülich sitzt in der Aula der RBS. Zum Einstieg liest er die ersten beiden Kapitel aus seinem Buch. Das Publikum bilden die Klassen M1JF3 und M1JF4. Er hat keinen vorher festgelegten Plan für den Ablauf dieser eineinhalb Stunden. Ziel ist es lediglich, den Zuhörern einen Eindruck davon zu vermitteln, wie ein Buch entsteht, wie sich Figuren und Handlungsstränge entwickeln und nicht zuletzt davon, wie ein Autorendasein zustande kommt und sich anfühlt.

Martin Gülich ist selbst jemand, der seinen Platz erst finden musste. Nach einem Ingenieursstudium arbeitete er in der Softwareentwicklung, bevor er sich dem Schreiben zuwandte und zeitweise Herausgeber einer Literaturzeitschrift wurde. Er sei einfach kein Managertyp, in der Wirtschaft habe er sich nicht wohlgefühlt, erklärt er. Das Lesen der Eingangskapitel hat eine halbe Stunde gedauert, jetzt kommen zaghaft erste Fragen aus dem Publikum: Was ihn zu diesem Buch bewogen habe, wie lange er für ein Buch brauche, ob er sich durch das Schreiben verändere, ob seine Bücher sich gut verkauften und wieviel er damit verdiene. Die Schülerinnen und Schüler merken schnell, dass Gülich ihre Fragen ernst nimmt und sich um klare Antworten bemüht. Finn sei eine Figur, die das Leben eher leicht nehme. Er habe diese Figur „ausprobieren“ und mit ihr spielen wollen, um zu sehen, wie sie sich unter bestimmten Umständen verhalte. Überhaupt handelten seine Bücher kaum je von Dingen, die er selbst erlebt habe, denn das wäre ja langweilig. Schreiben könne furchtbar sein, wenn einem nichts einfalle. Ein paar mehr Literaturpreise dürften ruhig sein und natürlich gehörten auch Selbstzweifel bei ihm immer dazu – die bohrende Frage nämlich, ob das Geschriebene gut genug sei oder ob es nicht noch besser ginge.

Mit seinem offenen Vorgehen macht Martin Gülich den Eindruck, als würde auch er selbst sich hier in einem wenig vertrauten Umfeld ausprobieren. Auf erwartbare Fragen, hundertmal gestellt, versucht er ohne falsche Routine zu antworten. Dass er viele Jugendliche in der kurzen Zeit nicht aus ihrer letzten Reserve gegenüber Literatur und Schreiben locken wird, bringt ihn nicht dazu, sich hinter einer aufgesetzten Autorenpose zu verstecken. Stattdessen werden seine Antworten nach und nach persönlicher und er entwickelt ein Gespür für das Publikum, das fast unmerklich darauf reagiert. Die zweifelnde Frage, ob das alles nicht noch besser ginge, scheint er sich auch jetzt zu stellen. Und so gelingt es, auch anfangs eher skeptische Zuhörer für das zu interessieren, was er zu sagen hat.

 

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Rap und Hip-Hop Workshop mit Tobias Borke am 23. April 2015

Der Mann hat Grundsätze. Aber er trägt sie nicht vor sich her.
   Ihm ist die Fahrradkette gerissen auf dem Weg vom Marienplatz nach Zuffenhausen. Trotzdem steht er an diesem Aprilmorgen pünktlich in der Aula der Robert-Bosch-Schule; mit kurzer Hose, im Rucksack Laptop und Beatbox für seinen Vortrag und den anschließenden Workshop: Tobias Borke, Rapper und Hip-Hopper, unterwegs auf Konzerten, Poetry Slams, daneben Dozent am Stuttgarter Literaturhaus und regelmäßig als Referent an Schulen. Auf seinem T-Shirt steht breit der Slogan einer Hip-Hop-nahen Lifestyle- und Fitnessbewegung: Healthy is the new Gangsta – keine schlechte Zusammenfassung auch für sein heutiges Programm, wie sich im Laufe dieses Vormittags zeigen wird.
   Bei der Vorbereitung auf die Veranstaltung hatten Schüler die Frage gestellt, was dieser Rapper denn mit Deutsch zu tun habe. Borke selbst gesteht bei seiner Einführung prompt, ein verkrachter Germanistikstudent zu sein und in Deutsch lieber Texte geschrieben als Gedichte interpretiert zu haben. Seiner Wirkung auf die anwesenden Schülerinnen und Schüler tut dies keinen Abbruch – eher im Gegenteil.
   Er beginnt mit einem Überblick über die Herkunft und Geschichte des Rap und spricht über die Rap-Ikonen Mele Mel und Kurtis Blow und den Wurzelgrund dieser Musik in der New Yorker Southbronx. Zentral für die Entwicklung des Sprechgesangs seien die Beats: „Schlechte Musik mit Bass ist viel besser zu ertragen als gute ohne.“ Der MC (master of ceremonies) unterbrach die Musik irgendwann mit eigenen gesprochenen Einlagen, die immer länger und inhaltlich ausgefeilter wurden. Rap, so Borke, solle eine Geschichte erzählen und Gefühle zum Ausdruck bringen. Schimpfwörter und deutliche Sprache seien für ihn selbst dabei kein Problem, sie sollten aber nicht zum Selbstzweck der Musik werden. Auch aggressive Musik habe ihr Recht, nur müsse auch sie noch in irgendeiner Weise konstruktiv und anregend für den Hörer sein.
   Borke spielt aus Youtube Musikbeispiele ein, auch auf Zuruf aus dem Publikum. Er legt Wert darauf, sich sowohl von gewaltverherrlichenden als auch von kommerzialisierten Rappern abzusetzen. Bushido, zum Beispiel, ist aus seiner Sicht ein handwerklich schlechter Rapper, dessen Erfolg nur auf gezieltem Marketing beruht. Auch hier zeigt sich, was Borke mit seinen Auftritten an Schulen bezweckt: Es geht ihm nicht um eine stilmäßige Erziehung der Jugendlichen, sondern darum, das Handwerk dieser Musik zu zeigen und einen Maßstab für Qualität erkennbar zu machen. Die Tücken des sprachlichen Handwerks werden für das Publikum spürbar, als es die Aufgabe bekommt, Reime, oder genauer Assonanzen, zu beliebigen Wörtern zu finden. Dabei müssen die Vokale der jeweiligen Wörter einander klanglich entsprechen, was natürlich immer schwieriger wird, je mehr Silben die Wörter haben. Borke gibt ein Beispiel höchster Assonanzkunst mit dem Wortpaar „Plusquamperfekt“/„Nussbaumparkett“. – Wobei der Text, in dem diese beiden Wörter sinnvoll aufeinanderfolgen, erst noch zu schreiben wäre. Freiwillige vor!
   Nach einer kurzen Pause beginnt mit einer fulminanten Kostprobe von Rapimprovisation der praktische Teil der Veranstaltung. Borke fasst den Morgen sprechmusikalisch zusammen und rappt die Aufforderung an die Schülerinnen und Schüler, nun selbst über etwas zu schreiben, was sie aufregt oder ihnen nahegeht. Binnen kürzester Zeit herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre in der Aula. Borke selbst hält sich bereit, geht herum, hört zu, hilft, scherzt und freut sich sichtlich über die entstehenden Texte. In Gruppen von je drei Leuten kommt Bemerkenswertes zutage:

 

Was ist so falsch daran, dass ich meine Meinung sag?
Nix, denn das ist, was ich mag!
Taktlos und direkt; und das jeden Tag.
Kein Problem mit Kritik von dir.
Dir passt es nicht? - Dann red nicht mit mir.
Akzeptier es und geh deinen Weg.
Und leg mir keine Steine auf den Steg.
Akzeptier es und geh deinen Weg.
Und leg mir keine Steine auf den Steg.

(Nicole Heinz, M3IM3)

 

Die Schüler selbst sind sichtlich beeindruckt, wie organisch und flüssig ihre Texte klingen, wenn Borke sie spontan zum Sound der Beatbox vorträgt. Sein in den Saal gerufenes Schlusswort ist Programm: „Mut zum Wahnsinn!“ Donnernder Applaus für einen Meister seines Faches.

Tilo Müller


Proben von Tobias Borkes Musik sind im Internet abrufbar unter https://soundcloud.com/toba-borke/

 

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Am 26. März 2014 hatten wir den Autor Manfred Theisen mit seinem Buch "Täglich die Angst" zu Gast an der RBS.

 

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Grüne Woche, 02.04.2014

 

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Den Hitler jag ich in die Luft. Der Attentäter Georg Elser
Veranstaltung mit Hellmuth G. Haasis am 12. April 2013

Die schlanke Metallfigur im langen Mantel wird mit den Jahren verwittern. Die Hände des schlanken Mannes mit Hut und hochgeschlagenen Kragenspitzen aber sind aus Edelstahl und behalten ihren Glanz. Es ist das Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser, das seit drei Jahren in dessen Heimatort Königsbronn steht. Elsers Biograph, der Reutlinger Historiker Hellmut G. Haasis, zeigt zu Anfang seines Vortrags dieses Bild, denn es fasst treffend zusammen, was er an diesem Morgen den rund fünfzig Schülerinnen, Schülern und interessierten Lehrern an der Robert-Bosch-Schule vermitteln will. Haasis, der seit rund zwanzig Jahren über Elser forscht, reagiert empfindlich, wenn von dem „einfachen Schreiner“ die Rede ist, der auf eigene Faust im November 1939 einen Bombenanschlag auf den Diktator unternimmt. Kein anderes Attentat - auch das Stauffenbergs nicht! - sei Hitler jemals so gefährlich geworden wie der Sprengsatz im Münchner Bürgerbräukeller! Nur weil er 13 Minuten zu früh den Raum verließ, entging Hitler seinem Schicksal. – Er war ein Handarbeiter erster Güte, dieser Georg Elser; mit sprechenden Bildern macht Haasis es anschaulich.
   Es ist ein engagierter, leidenschaftlicher Vortrag, den die Klassen 2BFR2 und E2ME1T in der Aula der RBS erleben. Fotos zeigen den jungen Georg Elser während seiner Arbeits- und Wanderjahre am Bodensee im Kreis von Freunden. Haasis lässt die Jugendlichen mutmaßen, wer hier der spätere Attentäter sein könnte. Er spricht frei, assoziativ, mit ganzem Körpereinsatz und schlüpft zwischendurch auch sprachlich in die Rolle der dümmlichen Nazischergen, die nicht begreifen können, was am Abend dieses 8. November 1939 bei ihrer bierseligen Jahrestagsfeier für einen gescheiterten Putsch eigentlich schiefgegangen ist. Mitgebrachtes Schreinerwerkzeug veranschaulicht, wie präzise Georg Elser arbeitet; ein stumpfer Offiziersdolch wird dagegen zum Sinnbild für die Unfähigkeit und den falschen Ehrbegriff des deutschen Militärs. Die Schüler dürfen alles anfassen, Haasis geht immer wieder auf sie zu, spricht sie an, bezieht sie mit Fragen ein.
   Hellmuth G. Haasis ist ein ungewöhnlicher Historiker. In seinen Arbeiten wendet er sich denjenigen zu, die abseits der vermeintlich großen Themen stehen, schreibt Geschichte aus der Perspektive der Unterlegenen und oft Vergessenen. Dies ist auch die Haltung seiner Biographie „Den Hitler jag ich in die Luft. Der Attentäter Georg Elser“. Seit ihrem ersten Erscheinen 1999 hat sie den Blick der deutschen Öffentlichkeit auf Elser erheblich verändert und korrigiert. Noch lange nach dem Krieg stand der Attentäter im Schatten einer Rufmordkampagne der Nazis. Haasis recherchierte in Archiven und vor Ort verschollen geglaubte Fakten, sprach mit Angehörigen und Zeitzeugen und förderte das Bild eines klar denkenden, mutigen Einzeltäters zu Tage, der sich von der Propaganda der Machthaber weder einwickeln noch einschüchtern ließ. Als offizielles Portrait Georg Elsers wird heute nicht mehr, wie lange Zeit, die entstellte Gefängnisaufnahme des misshandelten Häftlings, sondern ein freundliches Foto der Vorkriegszeit verwendet. Die Sonderbriefmarke zum hundertstem Geburtstag 2003 zeigt es. Sicherlich ein Detail, aber auch dies ein sprechendes.
   Hier habe er übrigens, so Haasis, genau das richtige Publikum für eine Veranstaltung über diesen Widerständler: Schülerinnen und Schüler einer beruflichen Schule, junge Leute, die den Wert guter Handarbeit und präziser Planung zu schätzen wüssten, – junge Leute, die eine klare Haltung entwickeln und sich nicht verbiegen lassen sollen. „Der Elser war ein Sonderling!“, ruft Haasis aus. Er selbst zeigt sich noch immer tief beeindruckt von diesem Sonderling. Sein Vortrag ist eine Einladung an die Zuhörenden, sich ihrerseits beeindrucken zu lassen.

Tilo Müller